Der Verkauf des größten Entsorgungsunternehmens in Baden-Württemberg, der U-Plus AG (Jahresumsatz 305 Millionen Euro), hat unter den betroffenen 1.250 Beschäftigten für Unruhe gesorgt. Die Tochter der Energie Baden-Württemberg (EnBW) wird von der Alba-Gruppe übernommen. Nach Medienberichten muss das Unternehmen mit Stammsitz in Berlin dafür 150 bis 200 Millionen Euro bezahlen. Ein Kauf, der nach Informationen von gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen zum großen Teil kreditfinanziert ist und zwar über die amerikanische Investmentbank Goldmann Sachs.
Der Wechsel von einem Milliarden schweren Konzern, der Sicherheit garantierte, zu einem Familienunternehmen, über dessen finanzielles Polster wenig bekannt ist, war für die Beschäftigten von U-Plus ein Schock.
Als die Betriebsräte davon Wind bekamen, dass eine Veräußerung unmittelbar bevorsteht, trafen sie sich in Stuttgart und beschlossen eine Unterschriftensammlung für einen Überleitungstarifvertrag, der die Arbeitsplätze und die Rechte der Beschäftigten absichern sollte. In fast allen Standorten fanden dann außerordentliche Betriebsversammlungen statt.
Doch die Fäden bei dem Millionen-Deal hatten EnBW-Chef Utz Claassen und sein Generalbevollmächtigter Amir Ghoreishi in der Hand. Da ein Tarifvertrag den Kaufpreis gemindert hätte, wollten sie von ihrer gern gezeigten „sozialen Verantwortung“ gegenüber den Beschäftigten nichts mehr wissen.
Statt dessen versuchten sie, die Beschäftigten mit „wachsweichen Formulierungen“ zu beruhigen. Alba habe gegenüber der EnBW „überzeugend erklärt, die Standorte und die Arbeitsplätze sowie die Tarifgebundenheit der U-Plus-Gruppe zu erhalten“, erklärte Ghoreishi. Alba wolle „perspektivisch“ sogar weitere Arbeitsplätze schaffen und in die berufliche Ausbildung investieren. „Wenn dies ernst gemeint ist, dann hätte U-Plus darüber mit ver.di einen Tarifvertrag abschließen können“, sagt eine ver.di Sekretärin. „Und dann wären die Zusagen auch einklagbar gewesen.“ Jetzt muss die Gewerkschaft mit den neuen Eigentümern, den Schweizer-Brüdern, verhandeln. Und die werden darauf verweisen, dass sich der hohe Kaufpreis erst amortisieren müsse. So haben sie der U-Plus-Geschäftsführung bisher keine Vollmacht für Tarifverhandlungen gegeben.
Derweil haben Axel und Eric Schweizer diverse Standorte ihrer Neuerwerbung im Südwesten besucht, um gute Stimmung zu verbreiten. Besonders geschickt stellte sich dabei Eric Schweizer an, „ein Schauspieler vor dem Herrn“, so einer, der ihn zum ersten Mal erlebt hat.
Der 41-jährige „Unternehmer des Jahres 2004“ redet schnell und gestikuliert viel mit seinen Armen. „Er versteht es, die Leute einzulullen“, berichtet ein Berliner ver.di-Sekretär, der sich seit vielen Jahren mit den Schweizer-Brüdern herumschlagen muss. „Mobbing, willkürliche Kündigungen, Tarifflucht, ja sogar einen Polizeieinsatz, das habe ich alles bei Alba schon erlebt“, berichtet der Kollege. Die Schweizers seien schlimme Lohndrücker. „Es gab Fälle, da wollten sie den Leuten ein Viertel ihres Entgelts wegnehmen“, erinnert er sich.
In dieses Bild passt auch die Weigerung der Schweizer-Brüder, den Arbeitern und Angestellten die ihnen zustehenden Sitze im Aufsichtsrat zu geben, „obwohl dies ab einer Beschäftigten-Zahl von 2.000 vorgeschrieben ist“, sagt eine ver.di-Sekretärin.
Mit U-Plus zusammen arbeiten für die Schweizers jetzt über 7.000 Männer und Frauen. Auch einen Konzernbetriebsrat gibt es nicht mehr, obwohl er gesetzlich vorgeschrieben ist, wenn ein Unternehmen in einer Gruppe die anderen beherrscht. Alba hat etwa 110 Tochterunternehmen an 170 Standorten. Und dann hat Betriebsrat Rolf Gillé noch eine weitere Ungereimtheit entdeckt. Mitte 2006 holte EnBW-Chef Claassen Philipp Pommerenke als Generalbevollmächtigten in die U-Plus AG.
Er war unter anderem bei Cleanaway tätig, aber auch bei Alba. Dies hat UPlus bei seiner Berufung der Öffentlichkeit verschwiegen. Pommerenke hat für Alba als Prokurist und für die Alba-Tochter ALBAServ als Geschäftsführer gearbeitet. Außerdem ist er geschäftsführender Gesellschafter der Beratungsfi rma Buds (Business Development Services) in Berlin. War der 41-jährige Ingenieur also ein U-Boot bei U-Plus oder gehörte seine Einstellung schon zum Deal zwischen der EnBW und Alba, fragt sich Rolf Gillé. „Ich möchte nichts unterstellen“, sagt der Gewerkschafter, „aber ich erwarte von den Verantwortlichen eine eindeutige Antwort“.
Doch das Wichtigste für die U-Plus-Beschäftigten sei jetzt der Überleitungstarifvertrag, der die Arbeitsplätze und die alten Rechte der U-Plus-Belegschaft – allen voran die Tarifbindung – dauerhaft sichert.
Quelle: Müll-Report Mai 2007